600

MANCHMAL WIRD MIR ALLES ZUVIEL

alz 

Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit der
Problematik der Situation von pflegenden Angehörigen.

Inhalt:

a  Positive Aspekte bei der Betreuung eines Angehörigen

b  Warum pflegt man überhaupt ?

c  Gründe, die gegen eine Pflege sprechen:

d  Was heisst überhaupt „Pflege ?“

e  Psychische und soziale Probleme

f  Was sind die Folgen der Pflege:

g  Belastungen

h  Schlussfolgerungen

i  Konkrete Tipps zur Minderung der Belastung

j  Wer bereits Hilfe hat, wünscht sich noch mehr




a  Was befriedigt Sie an der Pflege ihres Angehörigen (positiven Aspekte)
    Zufriedenheit zeigt sich 
  • wenn die gepflegte Person zufrieden ist, sich freut oder Dankbarkeit zeigt
  • wenn eine Erfahrung gemacht wird, die für das eigene Leben wichtig ist und
  • betreuende Angehörige in ihrem Leben einen Schritt voraus bringt
  • wenn eine Klärung von schwierigen Beziehungen zwischen z.b. Vätern und Töchtern möglich wird oder Abstand gewonnen werden kann.

b  Warum pflegt man überhaupt ?

  • Selbstverständlichkeit
  • Liebe oder Zuneigung
  • Etwas zurückgeben wollen
  • Vermeidung von Schuldgefühlen
  • Gerne jemanden pflegen
  • (Moralisches) Verantwortungs- oder Pflichtgefühl
  • Selbstvertrauen
  • Glaubensüberzeugung
  • Sinngebung und Lebensziel
  • Kontaktbedürfnis
  • Wunsch, einem Beruf zu entfliehen (langweilig, schwer, überfordernd)
  • Hoffnung auf Erbe, Geld oder einen finanziellen Vorteil
  • Ein früheres Versprechen
  • Verurteilung durch andere vermeiden

c  Gründe, die gegen eine Pflege sprechen: 

  • Schlechte Beziehung zum Angehörigen 
  • Schlechter Gesundheitszustand 
  • Anderweitige Verpflichtungen 
  • Verfügbarkeit besserer Alternativen für den Kranken
  • Mangelnde Assertivität / Unterlegenheit

d  Was heisst überhaupt „Pflege ?“

Im Haushalt müssen u.a. die Betten gemacht, Mahlzeiten zubereitet und Einkäufe erledigt werden, es muß aufgeräumt und geputzt werden. In den Bereich der körperlichen Versorgung fallen Aufgaben wie

  • Helfen beim An- und Ausziehen,
  • beim Gang zur Toilette,
  • beim Essen und Baden,
  • die Pflege der Haare und die Mundhygiene.

Es werden auch vielfältige Aufgaben auf sich genommen, die pflegerischer Art sind, z.B. spritzen, Wundversorgung und Anlegen von Umschlägen. 
Auch Verwaltungsaufgaben werden übernommen wie Rechnungen bezahlen, Buchhaltung
führen sowie Zuschüsse und Beihilfen beantragen.

Pflege ist allerdings mehr als nur Hilfe bei funktionalen Einschränkungen, z.B. auch
Gesellschaft leisten, sich über das Wohlergehen Sorgen machen, der schwerer belastende Aspekt ist emotionale Unterstützung zu leisten und den anderen zu beaufsichtigen.
Viele pflegende Angehörige sind Pflegekoordinatoren: Sie beraten sich mit dem Arzt,
vermitteln zwischen den Einrichtungen und achten darauf, daß Helfer die Pflege aufeinander abstimmen. Dabei kämpfen viele mit zwiespältigen Gefühlen: Mitleid - Zorn, Angst - Hoffnung, Anteilnahme und helfen wollen - Abstand halten wollen. 


e  Psychische und soziale Probleme

Strauß u. a. (1984) unterscheiden acht psychische und soziale Probleme, mit denen
pflegende Angehörige konfrontiert werden:


Vermeidung medizinischer Krisen und, falls sie trotzdem eintreten, Umgang mit ihnen. 

Unter-Kontrolle-halten der Symptome und Beschwerden. 

Ausführung oder Überwachung der vom Arzt auferlegten Regeln und medizinischen

Vorschriften sowie Handhabung der daraus resultierenden Probleme. 


Vermeidung sozialer Isolierung durch den verminderten Kontakt mit anderen. 


Anpassung an die Veränderungen, die im Laufe des Krankheitsprozesses auftreten, an Verschlechterungen bzw. Remissionen. 


Versuche, unter den gegebenen Umständen so normal wie möglich mit anderen umzugehen
und die eigene Lebensart beizubehalten. 


Versuche, alle Aufwendungen für Pflege und medizinische Behandlungen finanziell auf die
Reihe zu bekommen und mit weniger Einkommen über die Runden zu kommen, da man
nicht mehr oder nur noch eingeschränkt berufstätig sein kann. 


Psychologischen Problemen sowie Problemen in der Beziehung und der Familie entgegnen. 


f  Was sind die Folgen der Pflege:

Die dementielle Erkrankung eines Familienmitgliedes stellt immer eine Krise des
Partner- oder Familiensystems dar.

Die emotionalen Veränderungen des Demenzkranken belasten seine Angehörigen
deutlich mehr als seine kognitiven Defizite. Konkret bedeutet das: All dies, woran wir
die Demenz diagnostisch erkennen und festmachen, steht in keiner Beziehung zur
Belastung der Angehörigen.

Die Streß- und Belastungsfaktoren sind multidimensional und ihre Korrelationen äußerst komplex. Für den pflegenden Angehörigen bedeutet dies, daß bei dem Krankheitsprozeß
sowohl körperliche und psychische als auch wirtschaftliche Bereiche involviert sind.
Die Art und das Ausmaß der Belastung, die pflegende Angehörige erfahren,
unterscheidet sich von Person zu Person. 


g Belastungen

Angehörige sind in der Pflege unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt, wie u.a. eine Untersuchung der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Okt. 2000) zeigte:

zeitliche Einschränkungen oder des Angebundenseins durch die Pflege

auf dieser Ebene zeigen sich die höchsten Belastungswerte

Beschränkungen der Entfaltungsmöglichkeiten

Ebenfalls hohe Werte

körperliche Belastung

z.B. auch durch Schlafentzug (nachts aus dem Schlaf gerissen werden)

soziale Belastung

Soziale Kontakte können nicht mehr aufrecht erhalten werden

emotionaler Bereich

Sich Sorgen machen - traurig sein, ärgerlich oder wütend - Angst, selber später einmal zu erkranken - schlechtes Gewissen, gegenüber dem Kranken – Umgehen mit der Aggressivität
Das Gleichgewicht einer meist jahrzehntelang eingespielten Partnerschaft wird verändert.
Der demente Patient kann "Familienregeln" nicht mehr einhalten, die bis dahin regulierende Funktion hatten. Dadurch kommt es zur Übernahme neuer Rollen und Funktionen der "gesunden" Angehörigen, während der Kranke an Einfluß und Eigenständigkeit verliert.
Häufig werden dadurch Konflikte aktiviert, die bis dahin geschlummert hatten. 

Familienkonflikte und Rivalität der Geschwister: Teilung der Verantwortung wie auch
Spannungen in Partnerschaft & zu eigenen Kindern 

"Warum stirbt er nicht ?" - Normale Reaktion führt zu Schuldgefühlen. Der oder die Kranke l
ebt oft im Aussehen unverändert und erinnert dadurch an die bisher gewohnte Vertrautheit.
Das Verhalten und damit die Persönlichkeit jedoch ändert sich drastisch und oft erschreckend. Das kann zu Aggressionen und Angst bei allen Beteiligten führen.
Eine Ehefrau: "Man ist verheiratet und man ist es nicht".
Es kann bei den versorgenden Angehörigen zu Phantasien kommen, der / die Kranke möge
doch bald sterben. Solche Vorstellungen sind ein Versuch, den psychologisch erlebten
Verlust auch real betrauern zu können. Phantasien solcher Art sind normal, machen aber
große Schuldgefühle. 

Doppelte Belastungen zwischen Beruf und Pflege 

Da das Berufsleben meist bereits aufgegeben ist und das soziale Netzwerk (z. B. durch
den Tod von Freunden oder die Loslösung der Kinder von der Kernfamilie) reduziert ist,
gelingt die Definition der eigenen Identität unabhängig von der ehelichen Beziehung weniger gut.
Äußerung eines pfl. Ehemannes: "Meine Frau ist doch das einzige, was ich noch habe".
Reduzierung der Sozialkontakte, Zurückschrauben des beruflichen Engagements.

Unfreiheit in der Lebensgestaltung, eine pfl. Tochter: "Frei fühle ich mich nie." 

Eigene Zukunftspläne müssen revidiert werden. Pflegende Angehörige von Demenzkranken
sind ständig mit dem Sterben des Geistes und mit der Sinnfrage des Leidens konfrontiert. 

Lebensperspektiven gehen verloren, und damit die Zukunftsorientiertheit. 

Enttäuschung und Verletztheit treten ein, wenn die erhoffte Dankbarkeit für die Aufopferung
in der Pflege ausbleibt, was bei dementen Patienten häufig vorkommt. Die Sorge wird dann
nur noch gezwungen als moralische Verpflichtung durchgeführt, es entsteht Streß und häufig entwickeln sich rigide und destruktive Pflegesysteme. 

Wenn die pflegenden Angehörigen sich innerlich nicht von den nunmehr dementen Eltern als autonome Erwachsene lösen konnten, besteht starke Identifikation. Die Persönlichkeitsveränderung von Vater oder Mutter bedeutet dann eine Bedrohung der seelischen Integrität. Die Machtverhältnisse kehren sich um. Waren die Eltern früher oft Autoritätspersonen, so werden sie nun hilflos und abhängig. Durch die Pflege werden Intimitäts- und Schamgrenzen bedroht, es kommt zu häufigen Tabubrüchen - ein Streßfaktor ersten Ranges. Die Gefahr von Aggression gegen die Eltern liegt in der Luft.

Seelisch besonders belastet sind Angehörige, die von den Gepflegten in einer Weise emotional abhängig sind, daß die eigene Autonomie verkümmert bleibt. Merkmale für diese "abhängige" Beziehungen sind:

  • Keine Zugestehung eigener Freiräume
  • Ständiges Zurückstellen eigener Bedürfnisse
  • Unfähigkeit zur Annahme von Hilfe
  • Unersetzbarkeit der eigenen Person (Einschätzung)
  • Verknüpfen des eigenen Wohlbefindens mit dem des Kranken
  • Leugnen objektiv vorhandener Krankheitszeichen
  • Nichterkennen anderer Perspektiven

Bei solchen Angehörigen finden sich soziale Isolierung, Ängstlickeit, Depression, Erkrankungen und Erschöpfungszustände signifikant häufiger. Sie haben auch das Gefühl, überfordert und ausgenützt zu werden.


h  Schlussfolgerungen

Was kann daraus geschlossen werden ?

Belastungen werden unterschiedlich und sehr individuell erlebt. Aus diesem Grunde ist
es wichtig zu wissen, wo die Hauptbelastung für jeden einzelnen liegt, um daraus effektive Möglichkeiten der Entlastung abzuleiten.


Sich persönliche Freiräume zu schaffen, in denen man eigenen Interessen nachgehen und soziale Kontakte knüpfen kann.


Unterstützungsangebote wahrnehmen



i  Konkrete Tipps zur Minderung der Belastung

Klären Sie die rechtlichen und finanziellen Fragen: 
o  Die Familie sollte bald nach der Diagnose mit dem Patient Pläne machen, wie es
    finanziell   weitergehen soll. 

o  Die Familie sollte sich beizeiten überlegen was bei zu erwartenden Kompetenzverlusten
    des Patienten zu tun ist. 

o  Die Familie sollte sich von einem Rechtsanwalt beraten lassen, der sich auf
    Betreuungsrecht, Vorsorgevollmacht, Patiententestament etc. spezialisiert hat. 

    Informieren Sie sich über die Leistungsfähigkeit der Sozialstationen in Ihrer Nähe: 
o  Zu welchen Dienstleistungen ist das Personal qualifiziert, ist es im Umgang mit                         Demenzkranken ausgebildet und wird den besonderen Bedürfnissen demenzkranker
    Rechnung getragen? 

o  Sozialstationen kennen in Frage kommende Tages- und Kurzzeitpflegeeinrichtungen
    für den Fall, daß die Hauptpflegeperson vorübergehend verhindert ist. 

o  Sozialstationen sollten auch eine wichtige Entlastungsbetreuung vornehmen können,
    so daß sich die Hauptpflegeperson mal für ein paar Stunden aus der Pflege
    herausziehen kann.
Achten Sie auf eine kompetente medizinische Versorgung: 
o  Hausärzte sollten wichtige begleitende Unterstützung leisten und zur Diagnose und                     Ausarbeitung eines Behandlungsplans an Fachärzte überweisen. 
o  Fachärzte und Memory-Kliniken stellen kompetente Diagnosen, Nachuntersuchungen
    und Verlaufskontrollen für Alzheimer-Kranke 

o  Pflegefachkräfte können Unterstützung, Anleitung und geduldige Beaufsichtigung des
    Kranken leisten.
Holen Sie sich die notwendige Anleitung und Entlastung für die Pflege: 
o  Es gibt eine Menge Bücher, Broschüren und Kurse zu unterschiedlichsten Themen,
    die bei der Alzheimer-Krankheit beachtet werden müssen. 

o  Es gibt regionale Selbsthilfegruppen und auch eine im Internet. 
o  Beziehen Sie Freunde und die Familie in die Pflege mit ein.
o  Achten Sie stets auf die Sicherheit und das Wohlbefinden des Kranken: 
o  Da alle Patienten früher oder später auf permanente fremde Hilfe angewiesen sind,
    sollten Sie sich beizeiten über die dann erforderliche Unterbringung des Kranken kümmern. 

o  Alle Patienten werden schnell durch das Autofahren überfordert und müssen es frühzeitig             aufgeben. 
o  Das Umfeld des Alzheimer-Kranken sollte hinsichtlich Sicherheit und Wohlbefinden der             Krankheit angepaßt werden.Nehmen Sie mit Ihrer Alzheimer-Gesellschaft Kontakt auf: 
o  Die Alzheimer-Gesellschaften leisten Hilfe zu allen Themen auf dieser Checkliste und
    vielen anderen Punkten 

o  Nehmen Sie Kontakt zur Deutschen Alzheimer Gesellschaft auf. 
o  Werden Sie Mitglied der Alzheimer Angehörigen-Initiative.
        Vermittlung von allgemeinen Verhaltensstrategien für den täglichen Umgang mit Demenz 

        Aufklärung über die Veränderung der Familienkonstellation und die daraus folgenden                 Beziehungsprobleme 
o  Psychotherapeutische Betreuung:
        Verarbeitung der belastenden Situation (Trauer, Beziehungsschwierigkeiten)

        psychische Verarbeitung belastender Situationen ( Scham bei Pflege usw.)


j  Wer bereits Hilfe hat, wünscht sich noch mehr

Günther Schwarz, Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e.V. (aus Alzheimer Informationen Sept. 1995) 

Erste Ergebnisse aus einer Befragung pflegender Angehöriger der Universität Erlangen/NürnbergAngehörige Demenzkranker, die bereits Hilfe in der häuslichen
Versorgung durch Tages- oder Kurzzeitpflege in Anspruch genommen haben, haben
fast doppelt so häufig den Wunsch nach mehr Hilfe als Angehörige, die bisher noch
keine fremde Hilfe in Anspruch genommen haben.

Zu diesem Ergebnis kam Dr. Elmar Gräßel von der Universität Erlangen/Nürnberg
nach ersten Auswertungen von 400 Fragebögen, die von pflegenden Angehörigen Demenzerkrankter ausgefüllt wurden.

Bei der Untersuchung geht es um Belastungsfaktoren pflegender Angehöriger im
Zusammenhang mit der Schwere der Erkrankung und der Versorgungssituation.

Obwohl das geschilderte Ergebnis zunächst widersinnig erscheint, stimmt es doch mit
der Erfahrung vieler Angehörigengruppen überein: Wer einmal die Schwelle überwunden hat,
fremde Hilfe anzunehmen und damit gute Erfahrungen macht, hat bald das Bedürfnis, noch
mehr Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn er hat die positiven Auswirkungen der eigenen Entlastung erkannt, insbesondere dann, wenn der Kranke gut aufgehoben ist.

Ebenso werden Angehörige, die noch keine Entlastung durch fremde Hilfe erfahren
haben, z.B. auch aus Mangel an geeigneten Angeboten, weniger das Bedürfnis nach
Hilfe äußern. Sie kennen die Vorzüge einer guten Entlastung noch nicht, sind vorsichtig
oder kritisch.

Schließlich hat der Wunsch nach fremder Hilfe auch damit zu tun, den
Kranken ein Stück loslassen zu können. Wer dazu noch nicht in der Lage ist, wird auch
weniger das Bedürfnis nach fremder Hilfe äußern oder verspüren. Oft sind Angehörige
mit großer Hinwendung in der Pflege des Kranken beteiligt. Erst wenn sich die
Belastungen über längere Zeit anhäufen und die Belastungsgrenze teilweise weit
überschritten ist, wird der Wunsch nach Entlastung plötzlich verspürt, dann aber meist
sehr deutlich.

Aus zurückliegenden ähnlichen Untersuchungen von Dr. Gräßel an kleineren Gruppen
ergab sich, daß das Ausmaß der tatsächlichen Hilfe, die ein pflegender
Angehöriger in Anspruch genommen hatte, weder mit dem Ausmaß der subjektiv
empfundenen Belastung des pflegenden Angehörigen, noch mit der Dauer der Pflege,
also mit dem Krankheitsstadium, zusammenhing.

Der einzige Zusamenhang ergab sich zum körperlichen Gesundheitszustand
des Angehörigen. Wenn körperliche Beschwerden angegeben wurden, war auch
das Ausmaß in Anspruch genommener Hilfen größer. 













langseitelangseitelangseitelangseitelangseitelangseitelangseitelangseitelangseitelangseitelangseitelangseite 165
mann und kind

geändert: 01.10.2012

Im Überblick

Nicht vergessen

 
Info  

Zentrale Information bei:
Reinhard Zedler
Tel: 07731 / 95 80 11
E-Mail:
zedler@awo-konstanz.de


Reinhard Zedler