
MANCHMAL WIRD MIR ALLES ZUVIEL
Der
folgende Beitrag beschäftigt sich mit der
Problematik der Situation von pflegenden
Angehörigen.
Inhalt:
Positive Aspekte bei der Betreuung eines
Angehörigen
Warum pflegt man überhaupt ?
Gründe, die gegen eine Pflege sprechen:
Was
heisst überhaupt „Pflege ?“
Psychische und soziale Probleme
Was
sind die Folgen der Pflege:
Belastungen
Schlussfolgerungen
Konkrete Tipps zur Minderung der Belastung
Wer
bereits Hilfe hat, wünscht sich noch mehr
Was befriedigt Sie an der Pflege ihres
Angehörigen (positiven Aspekte)
- wenn die gepflegte Person zufrieden ist, sich
freut oder Dankbarkeit zeigt
- wenn eine Erfahrung gemacht wird, die für
das eigene Leben wichtig ist und
betreuende Angehörige in ihrem Leben einen
Schritt voraus bringt
- wenn eine Klärung von schwierigen
Beziehungen zwischen z.b. Vätern und Töchtern möglich
wird oder Abstand gewonnen werden kann.
Warum
pflegt man überhaupt ?
- Selbstverständlichkeit
- Liebe oder Zuneigung
- Etwas zurückgeben wollen
- Vermeidung von Schuldgefühlen
- Gerne jemanden pflegen
- (Moralisches) Verantwortungs- oder
Pflichtgefühl
- Selbstvertrauen
- Glaubensüberzeugung
- Sinngebung und Lebensziel
- Kontaktbedürfnis
- Wunsch, einem Beruf zu entfliehen (langweilig,
schwer, überfordernd)
- Hoffnung auf Erbe, Geld oder einen
finanziellen Vorteil
- Ein früheres Versprechen
- Verurteilung durch andere vermeiden
Gründe, die gegen eine Pflege sprechen:
- Schlechte Beziehung zum Angehörigen
- Schlechter Gesundheitszustand
- Anderweitige Verpflichtungen
- Verfügbarkeit besserer Alternativen
für den Kranken
- Mangelnde Assertivität / Unterlegenheit
Was
heisst überhaupt „Pflege
?“
Im Haushalt
müssen u.a. die Betten gemacht, Mahlzeiten zubereitet
und Einkäufe erledigt werden, es muß aufgeräumt und
geputzt werden. In den Bereich der körperlichen Versorgung fallen
Aufgaben wie
- Helfen beim An- und Ausziehen,
- beim Gang zur Toilette,
- beim Essen und Baden,
- die Pflege der Haare und die Mundhygiene.
Es werden auch
vielfältige Aufgaben auf sich genommen, die
pflegerischer Art sind, z.B. spritzen, Wundversorgung und Anlegen von
Umschlägen.
Auch Verwaltungsaufgaben werden übernommen wie Rechnungen
bezahlen, Buchhaltung
führen sowie Zuschüsse und Beihilfen
beantragen.
Pflege ist allerdings
mehr als nur Hilfe bei
funktionalen Einschränkungen, z.B. auch
Gesellschaft leisten, sich
über das Wohlergehen Sorgen machen, der schwerer belastende Aspekt
ist emotionale Unterstützung zu leisten und den anderen zu
beaufsichtigen.
Viele pflegende Angehörige sind Pflegekoordinatoren: Sie beraten
sich mit dem Arzt,
vermitteln zwischen den Einrichtungen und achten
darauf, daß Helfer die Pflege aufeinander abstimmen. Dabei
kämpfen viele mit zwiespältigen Gefühlen: Mitleid -
Zorn, Angst - Hoffnung, Anteilnahme und helfen wollen - Abstand halten
wollen.
Psychische und soziale Probleme
Strauß u. a.
(1984) unterscheiden acht psychische und soziale
Probleme, mit denen
pflegende Angehörige konfrontiert werden:
Vermeidung medizinischer Krisen und, falls sie trotzdem
eintreten, Umgang mit ihnen.
Unter-Kontrolle-halten der Symptome und
Beschwerden.
Ausführung oder Überwachung der vom Arzt auferlegten
Regeln und medizinischen
Vorschriften sowie Handhabung der daraus
resultierenden Probleme.
Vermeidung sozialer Isolierung durch den verminderten Kontakt
mit anderen.
Anpassung an die Veränderungen, die im Laufe des
Krankheitsprozesses auftreten, an Verschlechterungen bzw.
Remissionen.
Versuche, unter den gegebenen Umständen so normal wie
möglich mit anderen umzugehen
und die eigene Lebensart
beizubehalten.
Versuche, alle Aufwendungen für Pflege und medizinische
Behandlungen finanziell auf die
Reihe zu bekommen und mit weniger
Einkommen über die Runden zu kommen, da man
nicht mehr oder nur
noch eingeschränkt berufstätig sein kann.
Psychologischen Problemen sowie Problemen in der Beziehung und
der Familie entgegnen.
Was sind die Folgen der Pflege:
Die dementielle
Erkrankung eines Familienmitgliedes stellt immer eine
Krise des
Partner- oder Familiensystems dar.
Die emotionalen Veränderungen des Demenzkranken
belasten seine
Angehörigen
deutlich mehr als seine kognitiven Defizite. Konkret
bedeutet das: All dies, woran wir
die Demenz diagnostisch erkennen und
festmachen, steht in keiner Beziehung zur
Belastung der
Angehörigen.
Die Streß- und Belastungsfaktoren sind
multidimensional und ihre
Korrelationen äußerst komplex. Für den pflegenden
Angehörigen bedeutet dies, daß bei dem
Krankheitsprozeß
sowohl körperliche und psychische als auch
wirtschaftliche Bereiche involviert sind.
Die Art und das Ausmaß
der Belastung, die pflegende Angehörige erfahren,
unterscheidet
sich von Person zu Person.
Belastungen
Angehörige sind
in der Pflege unterschiedlichen Belastungen
ausgesetzt, wie u.a. eine Untersuchung der
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Okt. 2000) zeigte:
zeitliche Einschränkungen oder des Angebundenseins durch die
Pflege
auf dieser Ebene zeigen sich die höchsten
Belastungswerte
Beschränkungen der Entfaltungsmöglichkeiten
Ebenfalls hohe Werte
körperliche Belastung
z.B. auch durch Schlafentzug (nachts aus dem Schlaf
gerissen werden)
soziale Belastung
Soziale Kontakte können nicht mehr aufrecht
erhalten werden
emotionaler Bereich
Sich Sorgen machen - traurig sein, ärgerlich
oder wütend -
Angst, selber später einmal zu erkranken - schlechtes Gewissen,
gegenüber dem Kranken – Umgehen mit der Aggressivität
Das Gleichgewicht einer meist jahrzehntelang
eingespielten Partnerschaft wird verändert.
Der demente Patient
kann "Familienregeln" nicht mehr einhalten, die bis dahin regulierende
Funktion hatten. Dadurch kommt es zur Übernahme neuer Rollen und
Funktionen der "gesunden" Angehörigen, während der Kranke an
Einfluß und Eigenständigkeit verliert.
Häufig werden
dadurch Konflikte aktiviert, die bis dahin geschlummert hatten.
Familienkonflikte und
Rivalität der Geschwister: Teilung
der Verantwortung wie auch
Spannungen in Partnerschaft & zu eigenen
Kindern
"Warum stirbt er nicht ?" - Normale Reaktion führt zu
Schuldgefühlen. Der oder die Kranke l
ebt oft im Aussehen
unverändert und erinnert dadurch an die bisher gewohnte
Vertrautheit.
Das Verhalten und damit die Persönlichkeit jedoch
ändert sich drastisch und oft erschreckend. Das kann zu
Aggressionen und Angst bei allen Beteiligten führen.
Eine Ehefrau: "Man ist verheiratet und man ist es nicht".
Es kann bei den versorgenden Angehörigen zu Phantasien kommen, der
/ die Kranke möge
doch bald sterben. Solche Vorstellungen sind ein
Versuch, den psychologisch erlebten
Verlust auch real betrauern zu
können. Phantasien solcher Art sind normal, machen aber
große Schuldgefühle.
Doppelte Belastungen zwischen Beruf und Pflege
Da das Berufsleben meist bereits aufgegeben ist und das
soziale Netzwerk (z. B. durch
den Tod von Freunden oder die
Loslösung der Kinder von der Kernfamilie) reduziert ist,
gelingt
die Definition der eigenen Identität unabhängig von der
ehelichen Beziehung weniger gut.
Äußerung eines pfl. Ehemannes: "Meine Frau ist doch das
einzige, was ich noch habe".
Reduzierung der Sozialkontakte, Zurückschrauben des beruflichen
Engagements.
Unfreiheit in der Lebensgestaltung, eine pfl. Tochter: "Frei
fühle ich mich nie."
Eigene
Zukunftspläne müssen revidiert werden.
Pflegende Angehörige von Demenzkranken
sind ständig mit dem
Sterben des Geistes und mit der Sinnfrage des Leidens
konfrontiert.
Lebensperspektiven
gehen verloren, und damit die
Zukunftsorientiertheit.
Enttäuschung und
Verletztheit treten ein, wenn die
erhoffte Dankbarkeit für die Aufopferung
in der Pflege ausbleibt,
was bei dementen Patienten häufig vorkommt. Die Sorge wird dann
nur noch gezwungen als moralische Verpflichtung durchgeführt, es
entsteht Streß und häufig entwickeln sich rigide und
destruktive Pflegesysteme.
Wenn die pflegenden
Angehörigen sich innerlich
nicht von den nunmehr dementen Eltern als autonome Erwachsene
lösen konnten, besteht starke Identifikation. Die
Persönlichkeitsveränderung von Vater oder Mutter bedeutet
dann eine Bedrohung der seelischen Integrität. Die
Machtverhältnisse kehren sich um. Waren die Eltern früher oft
Autoritätspersonen, so werden sie nun hilflos und abhängig.
Durch die Pflege werden Intimitäts- und Schamgrenzen bedroht, es
kommt zu häufigen Tabubrüchen - ein Streßfaktor ersten
Ranges. Die Gefahr von Aggression gegen die Eltern liegt in der Luft.
Seelisch besonders
belastet sind Angehörige, die von den
Gepflegten in einer Weise emotional abhängig sind, daß die
eigene Autonomie verkümmert bleibt. Merkmale für diese
"abhängige" Beziehungen sind:
- Keine Zugestehung eigener Freiräume
- Ständiges Zurückstellen eigener
Bedürfnisse
- Unfähigkeit zur Annahme von Hilfe
- Unersetzbarkeit der eigenen Person
(Einschätzung)
- Verknüpfen des eigenen Wohlbefindens mit
dem des Kranken
- Leugnen objektiv vorhandener Krankheitszeichen
- Nichterkennen anderer Perspektiven
Bei solchen
Angehörigen finden sich soziale Isolierung,
Ängstlickeit, Depression, Erkrankungen und
Erschöpfungszustände signifikant häufiger. Sie haben
auch das Gefühl, überfordert und ausgenützt zu werden.
Schlussfolgerungen
Was kann daraus
geschlossen werden ?
Belastungen werden unterschiedlich und sehr individuell erlebt. Aus
diesem Grunde ist
es wichtig zu wissen, wo die Hauptbelastung für
jeden einzelnen liegt, um daraus effektive Möglichkeiten der
Entlastung abzuleiten.
Sich persönliche Freiräume zu schaffen, in denen man
eigenen Interessen nachgehen und soziale Kontakte knüpfen kann.
Unterstützungsangebote wahrnehmen
Konkrete Tipps zur Minderung der
Belastung
Klären Sie die
rechtlichen und finanziellen Fragen:
o Die Familie sollte bald nach der Diagnose
mit dem Patient Pläne
machen, wie es
finanziell weitergehen soll.
o Die Familie sollte sich beizeiten
überlegen was bei zu
erwartenden Kompetenzverlusten
des Patienten zu tun ist.
o Die Familie sollte sich von einem
Rechtsanwalt beraten lassen, der
sich auf
Betreuungsrecht, Vorsorgevollmacht,
Patiententestament etc.
spezialisiert hat.
Informieren Sie sich über
die Leistungsfähigkeit der
Sozialstationen in Ihrer Nähe:
o Zu welchen Dienstleistungen ist das Personal
qualifiziert, ist es im
Umgang mit
Demenzkranken
ausgebildet und wird den besonderen
Bedürfnissen demenzkranker
Rechnung getragen?
o Sozialstationen kennen in Frage kommende
Tages- und
Kurzzeitpflegeeinrichtungen
für den Fall, daß die
Hauptpflegeperson vorübergehend verhindert ist.
o Sozialstationen sollten auch eine wichtige
Entlastungsbetreuung
vornehmen können,
so daß sich die Hauptpflegeperson mal
für ein paar Stunden aus der Pflege
herausziehen kann. Achten Sie auf
eine kompetente medizinische Versorgung:
o Hausärzte sollten wichtige begleitende
Unterstützung
leisten und zur Diagnose und
Ausarbeitung
eines Behandlungsplans an
Fachärzte überweisen.
o Fachärzte und Memory-Kliniken stellen
kompetente Diagnosen,
Nachuntersuchungen
und Verlaufskontrollen für
Alzheimer-Kranke
o Pflegefachkräfte können
Unterstützung, Anleitung und
geduldige Beaufsichtigung des
Kranken leisten. Holen Sie sich die
notwendige Anleitung und Entlastung
für die Pflege:
o Es gibt eine Menge Bücher,
Broschüren und Kurse zu
unterschiedlichsten Themen,
die bei der Alzheimer-Krankheit beachtet
werden müssen.
o Es gibt regionale Selbsthilfegruppen und
auch eine im Internet.
o Beziehen Sie Freunde und die Familie in die
Pflege mit ein.
o Achten Sie stets auf die Sicherheit und das Wohlbefinden des
Kranken:
o Da alle
Patienten früher oder später auf permanente fremde
Hilfe angewiesen sind,
sollten Sie sich beizeiten über die dann
erforderliche Unterbringung des Kranken kümmern.
o Alle Patienten werden schnell durch das
Autofahren überfordert
und müssen es frühzeitig
aufgeben.
o Das Umfeld des Alzheimer-Kranken sollte
hinsichtlich Sicherheit und
Wohlbefinden der
Krankheit angepaßt werden.Nehmen
Sie mit Ihrer Alzheimer-Gesellschaft Kontakt auf:
o Die Alzheimer-Gesellschaften leisten Hilfe
zu allen Themen auf dieser
Checkliste und
vielen anderen Punkten
o Nehmen Sie Kontakt zur Deutschen Alzheimer
Gesellschaft auf.
o Werden Sie Mitglied der Alzheimer
Angehörigen-Initiative.
Vermittlung von allgemeinen
Verhaltensstrategien für den
täglichen Umgang mit Demenz
Aufklärung über die Veränderung der
Familienkonstellation und die daraus folgenden
Beziehungsprobleme
o Psychotherapeutische Betreuung:
Verarbeitung der belastenden
Situation (Trauer,
Beziehungsschwierigkeiten)
psychische
Verarbeitung belastender Situationen ( Scham bei Pflege
usw.)
Wer bereits Hilfe hat,
wünscht sich noch mehr
Günther
Schwarz, Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg
e.V. (aus Alzheimer Informationen Sept. 1995)
Erste Ergebnisse aus
einer Befragung pflegender
Angehöriger der Universität
Erlangen/NürnbergAngehörige Demenzkranker, die bereits Hilfe
in der häuslichen
Versorgung durch Tages- oder Kurzzeitpflege in
Anspruch genommen haben, haben
fast doppelt so häufig den Wunsch
nach mehr Hilfe als Angehörige, die bisher noch
keine fremde Hilfe
in Anspruch genommen haben.
Zu diesem Ergebnis kam
Dr. Elmar
Gräßel von der Universität Erlangen/Nürnberg
nach
ersten Auswertungen von 400 Fragebögen, die von pflegenden
Angehörigen Demenzerkrankter ausgefüllt wurden.
Bei der
Untersuchung geht es um Belastungsfaktoren pflegender Angehöriger
im
Zusammenhang mit der Schwere der Erkrankung und der
Versorgungssituation.
Obwohl das
geschilderte Ergebnis zunächst
widersinnig erscheint, stimmt es doch mit
der Erfahrung vieler
Angehörigengruppen überein: Wer einmal die Schwelle
überwunden hat,
fremde Hilfe anzunehmen und damit gute Erfahrungen
macht, hat bald das Bedürfnis, noch
mehr Hilfe in Anspruch zu
nehmen. Denn er hat die positiven Auswirkungen der eigenen Entlastung
erkannt, insbesondere dann, wenn der Kranke gut aufgehoben ist.
Ebenso
werden Angehörige, die noch keine Entlastung durch fremde Hilfe
erfahren
haben, z.B. auch aus Mangel an geeigneten Angeboten, weniger
das Bedürfnis nach
Hilfe äußern. Sie kennen die
Vorzüge einer guten Entlastung noch nicht, sind vorsichtig
oder
kritisch.
Schließlich hat
der Wunsch nach fremder Hilfe auch
damit zu tun, den
Kranken ein Stück loslassen zu können. Wer
dazu noch nicht in der Lage ist, wird auch
weniger das Bedürfnis
nach fremder Hilfe äußern oder verspüren. Oft sind
Angehörige
mit großer Hinwendung in der Pflege des Kranken
beteiligt. Erst wenn sich die
Belastungen über längere Zeit
anhäufen und die Belastungsgrenze teilweise weit
überschritten ist, wird der Wunsch nach Entlastung plötzlich
verspürt, dann aber meist
sehr deutlich.
Aus
zurückliegenden
ähnlichen Untersuchungen von Dr. Gräßel an kleineren
Gruppen
ergab sich, daß das Ausmaß der tatsächlichen
Hilfe, die ein pflegender
Angehöriger in Anspruch genommen hatte,
weder mit dem Ausmaß der subjektiv
empfundenen Belastung des
pflegenden Angehörigen, noch mit der Dauer der Pflege,
also mit
dem Krankheitsstadium, zusammenhing.
Der einzige
Zusamenhang ergab sich
zum körperlichen Gesundheitszustand
des Angehörigen. Wenn
körperliche Beschwerden angegeben wurden, war auch
das
Ausmaß in Anspruch genommener Hilfen größer.
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geändert: 06.02.2009
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